Bitte Platz nehmen
Das Kölner Zentrum für Alte Musik bezieht ein eigenes Haus – und wird endgültig zum Kulturort
Eine Residenz für die Alte Musik: Warum der Einzug in die Oskar-Jäger-Straße mehr ist als ein Umzug.
Von Nicola Oberlinger
(Köln, Januar 2026) :juba, :unlimited, :lab, :academy, :amateur barock orchester, :early music festival – sie alle tragen denselben Namen: zamus. Das Kölner Zentrum für Alte Musik ist ein lebendiges, in viele Richtungen sich verzweigendes Gebilde, das seit seiner Gründung stetig wächst – und nicht den Eindruck macht, damit innehalten zu wollen. Als Kreativ- und Kommunikationsplattform für über 200 Musiker:innen und Ensembles hat sich das zamus seit 2011 mehrfach neu erfunden. Ganz so, wie es zu einem mitgliedergetragenen Netzwerk unter dem Dach der Kölner Gesellschaft für Alte Musik (KGAM e.V.) passt.
Neue Formate kamen hinzu, neue Mitglieder, neue Teamstrukturen. Mit dem Wachstum wuchs auch der Raumbedarf. Nun setzt das zamus die Segel – und steuert ein eigenes Haus an. Ein Haus? Eine Residenz! In der Oskar-Jäger-Straße 192, einem denkmalgeschützten ehemaligen Verwaltungsgebäude auf dem Thyssen-Krupp-Gelände, eröffnet sich ein neuer Möglichkeitsraum. Mit dem frisch unterzeichneten Mietvertrag ist klar: Für mindestens zwanzig Jahre nimmt die Alte Musik in Köln mitten in Ehrenfeld Platz – sichtbar, dauerhaft, selbstbewusst.
Dass ein Umzug kommen würde, war dem Zentrum gewissermaßen in die Wiege gelegt. Auch wenn lange und zäh um eine feste Perspektive im Heliosgebäude gerungen wurde. Wer den Dokumentarfilm „Wem gehört die Stadt – Bürger in Bewegung“ (Anna Ditges, 2015) kennt, weiß um die bewegte Geschichte des HELIOS-Geländes und seines Umfelds. Für das zamus war die Heliosstraße 15 – trotz Zwischenmietstatus – ein Glücksfall: der Ort des Gründungsimpulses. Hier konnte sich ab 2011 eine zuvor amorphe Szene bündeln: Ensembles, Musiker:innen, Agenturen, Instrumente, Probenräume – ein Schulterschluss, der Gestalt annahm. Von Ehrenfeld aus trugen sich neue, alte Klänge durch die Stadt: Bach, von Bingen, Händel, Scarlatti, Strozzi, Purcell – und Komponist:innen, deren Namen zuvor kaum jemand kannte. Das Herz der Alten Musik hatte einen Ort.
Taking Early Music to the Next Level
Heute ist das zamus ein Leuchtturm der Alten Musik weit über NRW und Deutschland hinaus: Anlaufstelle für professionelle Musiker:innen ebenso wie für Studierende, Kinder, Jugendliche und ein musikbegeistertes Publikum. Seit 2018 prägt Geschäftsführerin Mélanie Froehly diese Entwicklung maßgeblich. Als prima inter pares eines eingespielten Teams ist sie Ideengeberin, Moderatorin, Sparringpartnerin und verlässliche Partnerin für die Szene. An ihrer Seite: Midori Seiler, seit 2025 künstlerische Leiterin des zamus: early music festival, sowie der KGAM-Vorstand mit Ha-Na Lee, Norbert Rodenkirchen und Richard Lorber. Gemeinsam fungieren sie als Thinktank – und öffnen der Alten Musik neue Sphären.
Wohnst du noch – oder lebst du schon?
Der Originalklang jedenfalls lebt.
Das neue Domizil in Ehrenfeld bietet Raum dafür. Die markante viergeschossige Immobilie aus der Kaiserzeit eröffnet auf 2000 Quadratmetern eine seltene Konstellation: Proben-, Arbeits-, Aufführungs-, Begegnungsräume und Schlafzimmer unter einem Dach. Und es gibt einen Coup zu vermelden: Am neuen Standort wird auch das derzeit heimatlose Studio für Elektronische Musik einziehen – ein historischer Zeitzeuge, der hier auf Menschen trifft, die wissen, was Originalklang bedeutet.
Was also bringt die nächste ZAMUS-Staffel? Wir fragen nach.
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Januar 2026, Bilderbuchwinter in Köln. Noch treffen wir uns im Heliosgebäude. Tee, letzte Weihnachtsplätzchen, die WG-Küche am Ende des langen Flurs. Rechts und links Büros, deren Türschilder klingende Namen tragen: Concerto Köln, Festival Alte Musik Knechtsteden, Harmonie Universelle, IFM, Die Kölner Akademie. Aus dem Probentrakt dringen barocke Klänge. Mélanie Froehly, Vorstandsmitglied Norbert Rodenkirchen und Öffentlichkeitsarbeiterin Sophie Haumann nehmen Platz.
Mélanie, das zamus zieht endlich um. Du hast mit Deinem Team lange daran gearbeitet und auch Rückschläge einstecken müssen. Erzählst Du uns davon? Wie kam es, dass es endlich geklappt hat? (lacht) Eine lange Geschichte! Seit ich hier 2018 als Geschäftsführerin angefangen habe, begleitet mich das Thema Erweiterung. Eigentlich wollten wir im Heliosgebäude zusätzlich anmieten und ausbauen. Wir haben geplant, das Raumprogram mit Stadt und Land verhandelt, Anträge gestellt – bis klar war, dass der Mietvertrag 2022 nicht verlängert wird. Die Suche begann von vorn. Rückhalt kam aus Ehrenfeld selbst: Das Bezirksrathaus bekannte sich politisch zum Verbleib des zamus in Ehrenfeld. Der entscheidende Hinweis auf die Immobilie kam aus der Ehrenfelder Kulturszene. Nach einer Neuplanung und intensiven Gesprächen mit Land und Stadt war der Weg frei.
Wie soll das neue Zentrum aussehen, was könnt Ihr dort alles realisieren? Es ist genau das, was wir gesucht haben. Natürlich wird es weiterhin alles geben, was wir hier jetzt schon haben: Proben-, Büro und Lagerräume. Neu ist, dass es in der Oskar-Jäger-Straße sogar Veranstaltungssäle mit Bühne mit einer Publikumskapazität von bis zu 140 Personen geben wird, die spartenübergreifend genutzt werden können. Außerdem richten wir 4 Schlafräume mit Bad für gastierende Ensembles oder Residenzkünstler:innen ein. Vor allem aber werden die Räume akustisch auf Musiknutzung der Alten Musik zugeschnitten – und das gesamte Gebäude soll barrierefrei werden.
Wann geht es los - wann ist Euer Einzugstermin? Der Bauantrag wurde im Oktober 2025 eingereicht. Nach aktueller Planung ist der Einzug für das Ende 2027 vorgesehen.
Fünfzehn Jahre zamus – eine steile Entwicklung. Was bleibt als Zwischenbilanz?
Gute Arbeitsbedingungen für die Szene zu schaffen, das war und ist unser Kernanliegen. Probenräume, Instrumentenleihe, Auftrittsmöglichkeiten, Sichtbarkeit, Öffentlichkeitsarbeit – all das ist ausgebaut und professionalisiert worden.
Darüber hinaus hat das zamus die Alte Musik als urbanen Kulturtreiber mit hohem Qualitätsanspruch etabliert und interdisziplinär geöffnet: zu Tanz, Neuer Musik, Bildender Kunst. Diesen Weg wollen wir weitergehen: Mit den Werkzeugen der Alten Musik gesellschaftliche Interaktion in qualitätvoller Weise zu suchen und damit gesellschaftlich relevante Themen verwirklichen.
Ganz konkret sind es Formate wie z.B. zamus: juba, das Jugend-Barock Musik Festival in Kooperation mit der Gesamtschule Wasseramselweg und dem Gymnasium Köln-Pesch, bei dem Jugendliche ihr eigenes Festival selber kuratieren und durchführen - da gehen wir schon in die fünfte Ausgabe. Oder zamus: unlimited, wo sich Sparten, Genres und Stile von Wissenschaft bis Techno begegnen. Oder auch das zamus: amateur barock orchester, bei dem Amateure aus einem riesigen Einzugskreis nach Köln kommen, um miteinander zu musizieren. Damit geben wir Menschen Vertrauen in eine Selbstwirksamkeit auf fremdem Terrain, wir schaffen Begegnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Genau das wollen wir weiter vertiefen.
Wo liegen die Spielräume? Nachhaltigkeit ist unser Credo. Bestehendes stärken statt permanent Neues erfinden. Auch gegenüber Förderern müssen wir das immer wieder erklären.
Ein Wunsch? Dass die Innovationskraft der Alten Musik stärker wahrgenommen wird. Innovation ist kein Privileg der Neuen Musik. Auch Alte Musik ist eine aktuelle Kunstform. Musikgeschichte eröffnet Perspektiven auf Entwicklung, Brüche und Zusammenhänge. Darin sind wir stark.